Energiewende – Photovoltaik entlang von Autobahnen könnte mehrere Kohlekraftwerke ersetzen

Eine Schallschutzwand mindert die Lärmbelastung für Anwohner entlang der A40 in Essen (picture alliance / Rupert Oberhäuser)

„Dass wir generell so ein großes Potenzial haben, das freut einen natürlich.“ Franziska Bär vom Deutschen Wetterdienst hat die potenziellen Energieerträge berechnet, unterstützt von der Bundesanstalt für Straßenwesen und dem Deutschen Zentrum für Schienenverkehrsforschung. Sie lieferten die Daten über alle existierenden Lärmschutzvorrichtungen an Autobahnen, Bundesstraßen und Eisenbahnstrecken im Land. Welche Stromausbeute Photovoltaik-Module liefern könnten, die man dort nachträglich montiert, simulierte die Meteorologin im Computer. Ausrichtung, Neigungswinkel und Sonneneinstrahlungsraten sind dabei entscheidende Merkmale: „Also, insgesamt haben wir eine installierte Leistung, potenziell, von 1.500 Megawatt.“

Fast 6000 Kilometer Lärmschutzvorrichtungen

Rund 1.800 Kilometer – das ist die derzeitige Gesamtlänge von Lärmschutzbauwerken entlang von Eisenbahnlinien. Und knapp 4.000 Kilometer, also mehr als doppelt so viel, stehen an Autobahnen und Bundesstraßen.

Dort schlummert laut Franziska Bär auch das größte Potenzial für die Nutzung der Solarenergie: „Dort gibt’s drei verschiedene Arten von Einrichtungen. Die kennt auch jeder. Also, die typische Lärmschutzwand wie auch entlang des Verkehrsträgers Schiene: 2.500 Kilometer in etwa. Dann gibt’s die Steilwälle. Gibt’s nicht so viele, sondern nur 80 Kilometer in Deutschland. Das sind diese Metallgestelle, wo Steine reinkommen. Und dann gibt’s noch die Lärmschutzwälle, die Neigungswinkel von circa 30 Grad haben. Die werden dann schön mit Gras bewachsen. Und von diesen Lärmschutzwällen haben wir ca. 1.300 Kilometer.“

Jährlicher Ertrag von 1200 Gigawattstunden wäre möglich

Die Wälle entlang der Autobahn erinnern an Deiche. Auf ihnen hätten besonders viele Solar-Module Platz: „Die Lärmschutzwälle haben eine angenommene Höhe von durchschnittlich fünf Metern. Wir haben hier eine geneigte Fläche. Das heißt, die Fläche an sich ist nochmal viel, viel größer. Und bei den Lärmschutzwällen können wir eine konservative Flächenbelegung von 50 Prozent annehmen, das heißt 50 Prozent dieser Fläche kann man mindestens mit PV-Modulen bestücken. Und da kommen wir auf einen jährlichen Ertrag von ca. 1.200 Gigawattstunden.

Das ist ein Vielfaches von dem, was Solar-Panels an Lärmschutzwänden produzieren könnten. Denn dabei handelt es sich um senkrecht stehende Mauern mit ungünstigem Einfallswinkel für das Sonnenlicht. Außerdem könne man nur ein Zehntel der Fläche mit PV-Modulen belegen, so die Wetterdienst-Forscherin. Das gelte auch für die Lärmschutzwände an Eisenbahnlinien: „Wenn wir da jetzt Photovoltaik-Anlagen drauf machen, verändert sich die Statik und verändert sich vor allem die Lärmschutzfunktion des Ganzen.“

Die neue Abschätzung sei sehr konservativ, sagt die Meteorologin, und eine untere Schranke. Demnach beschreibt sie die minimal mögliche Solarstrom-Ausbeute.

Photovoltaik könnte vier große Kohlekraftwerke ersetzen

Es gibt auch noch eine technologische Potenzialstudie. Sie stammt vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg. Demnach ließen sich sogar vier große Kohlekraftwerke ersetzen, wenn man den Lärmschutz an Straße und Schiene überall mit Photovoltaik kombinierte. Diese Analyse geht aber davon aus, dass die Flächen der Lärmschutzwände zu 50 Prozent mit PV-Modulen bestückt werden könnten, so Fraunhofer-Physiker Martin Heinrich:

„Der nächste Schritt wäre dann, in eine wirtschaftliche Abschätzung zu gehen. Also, zum Beispiel Lärmschutzwände, wo man ganz viel Abschattung hat oder die halt im Wald sind – da würde es wahrscheinlich wirtschaftlich keinen Sinn machen.“

Das Freiburger Institut arbeitet auch noch an einem anderen Konzept. Es sieht vor, Solardächer über Straßen aufzuspannen – vor allem über Autobahnen. Man fährt dann praktisch unter einer PV-Pergola daher. Auf der Raststätte Hegau-Ost an der A 81 in Baden-Württemberg entsteht derzeit eine erste PV-Pilotbrücke, zehn Meter lang und über fünf Meter hoch.

Solardächer könnten Autobahnen überspannen

Die Genehmigung solcher Anlagen werde zwar Zeit kosten, sagt Martin Heinrich. Die Politik sei aber inzwischen viel stärker an der Verkehrsphotovoltaik interessiert: „Gerade auch durch den Ukraine-Konflikt, wo wir uns ja selber unabhängiger von externen Energiequellen wie Öl oder Gas aus Russland machen müssen. Ich denke, dass da gerade auch die Integration an Verkehrsinfrastruktursystemen eine große Rolle spielen kann.“ Am Ende des Sommers soll das Solardach an der Raststätte Hegau fertig aufgespannt sein.

Reference-www.deutschlandfunk.de

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