Kritische Metalle für die Energiewende – Der neue Rohstoffrausch

Der Abbau von Metallen bringt Einnahmen und Jobs auch für die Erzeugerländer, aber um den Preis von hohen Belastungen für Menschen und Umwelt. (imago / photothek / Thomas Trutschel)

 Robert Habeck: Ich sehe die Chancen für die deutsche Wirtschaft. Ich sehe die Chance für Wachstum und Klimaschutz, was sich wunderbar ergänzen kann.”

Die Bundesregierung hat gerade noch einmal nachgelegt: Um schneller unabhängig zu werden von russischem Gas und Öl, soll sich die Leistung der Windenergieanlagen bis 2030 verdoppeln, auf dem Meer sogar vervierfachen. Auch Solaranlagen sollen dann vier Mal so viel Strom produzieren wie derzeit.

Siyamend Al Barazi: „Und wenn man sich dann anguckt, was für Rohstoffe man für bestimmte Technologien benötigt, dann haben wir hier gerade bei so Spezial- und Hightech-Rohstoffen eine sehr hohe Abhängigkeit von einzelnen Ländern.“

Wer die Klimaziele erreichen und gleichzeitig Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum nicht begrenzen will, braucht in den nächsten dreißig Jahren mehr Metalle, als die Menschheit seit Anbeginn produziert hat.

Robert Habeck: “Denken Sie an den Hunger von Rohstoffen der anderen Länder, die auch alle sehen werden, wie sie eine neue Infrastruktur aufbauen, wie sie auf Wasserstoff setzen werden. Dann drängt die Zeit.”

Henning Wilts: „Niemand würde sagen, das lohnt sich nicht, das einzusetzen. Aber ich finde manchmal so der kritische Blick, wer sind denn die Gewinner und wer sind die Verlierer, das fällt sol ein bisschen runter.“

Ein neuer Rohstoffrausch

„Wir reden hier über ein sehr schweres Gewicht und das kann ja nicht alles so schnell runtergefahren werden.“ Jens Monsees steht auf einem Acker im schleswig-holsteinischen Trennewurth. Sein Blick richtet sich weit nach oben, an das Ende einer 60 Meter hohen Windkraftanlage. „Und dieses Geräusch, das ist der Schachtschrauber, die lösen jetzt tatsächlich die Schrauben. Also wir sind jetzt kurz davor, dass sie das Maschinenhaus gleich runterheben.

Von unten sieht alles recht klein aus: Die Rotorblätter sind schon abmontiert, nur das Maschinenhaus steckt noch auf dem Turm. Nachdem alle Verschraubungen gelöst sind, hebt ein Kran es an und lässt es in Zeitlupe zu Boden schweben. „Man sieht auch dann erst, wie groß das ist. Wir reden hier von Flächen von 30 Quadratmeter, also drinnen. Man könnte eine kleine Wohnung draus machen – wäre auch eine Idee, so ein ‘Tiny House’ draus bauen.“

Das, was ganz oben wie ein kleiner rechteckiger Kasten aussah, ist am Boden deutlich größer als ein Bauwagen. Und doch muss die Anlage weichen: Sie ist zu klein, zu ineffizient. Sie macht einem Nachfolger Platz, der das Vierfache an Leistung liefert. Dafür braucht es auch deutlich mehr Stahl, Beton, Glas- und Carbonfaser für die Rotorblätter, Kupfer für diverse Kabel. Und für das Maschinenhaus und die Nabe ein knappes Dutzend weiterer Metalle.

Windräder in Trennewurth, Schleswig-Holstein. Neben einem Windrad ist ein Kran aufgebaut, die Rotorblätter sind bereits demontiert.

Die neue Generation von Windrädern erzeugt mehr Strom – aber dafür braucht es auch noch einmal mehr Rohstoffe (Tomma Schröder)

Energieaufwand steigt

Die Mengen multiplizieren sich schnell ins Unvorstellbare, wenn man den Rohstoffbedarf für eine komplette Umstellung von fossilen Energieträgern auf erneuerbare ermittelt. Olivier Vidal vom Institut des Sciences de la Terre in Grenoble rechnet diese Modelle. Und wer ihm zuhört, dem schwirrt schnell der Kopf:

„Wenn man sich zum Beispiel Kupfer ansieht, ein sehr wichtiges Metall für die Energiewende, da verbrauchen wir derzeit auf globaler Ebene etwa 20 bis 25 Millionen Tonnen pro Jahr. Und in 60 Jahren werden wir etwa 70 bis 100 Millionen Tonnen verbrauchen. Das bedeutet also, dass wir unsere jährliche Produktion um den Faktor drei oder vier erhöhen müssen. Wir würden dann in 50 Jahren genauso viel Kupfer verbrauchen, wie wir seit der Antike produziert haben.“

Eine solch gigantische Rohstoffproduktion würde auch ungeheure Mengen an Energie verbrauchen, wobei für die Extraktion und die Weiterverarbeitung von Metallen heute meist noch Kohle, Öl und Gas verfeuert werden.

„Und tatsächlich steigt der Energieaufwand mit abnehmendem Metallgehalt exponentiell. Aus diesem Grund ist zum Beispiel Stahl, der aus Gestein gewonnen wird, das etwa 50 Prozent dieses Metalls enthält, viel billiger als Gold, das aus Gestein gewonnen wird, das zwei Gramm dieses Metalls pro Tonne Gestein enthält. Das Problem ist, dass die reichen Vorkommen erschöpft sind und mit der Zeit verschwinden. Und wir gewinnen derzeit Metalle aus immer weniger konzentrierten Lagerstätten. Das bedeutet also nicht, dass uns das Metall ausgeht, aber die Produktionsenergie und der Preis werden in Zukunft voraussichtlich steigen. Und auch die Umweltauswirkungen werden voraussichtlich zunehmen.“

Umweltschäden verheerend

Es sind ja nicht nur die Windkraftanlagen, die gebaut werden müssen. Solaranlagen etwa enthalten zwar deutlich weniger Stahl, dafür aber Silizium, Indium, Gallium, Silber oder Kadmium. Zudem kommen alle möglichen Batteriespeicher hinzu, die große Mengen z.B. an Nickel und Lithium benötigen. Um Strom in Gas umzuwandeln, braucht die Power-to-Gas-Technologie Platin und ähnliche Metalle. Sollen dann noch alle Autos auf E-Antrieb umgestellt werden, erscheinen die benötigten Rohstoffmengen gleich nochmal utopischer. Für einen kompletten Umstieg, so rechneten Vidal und spanische Forscher aus, bräuchte es ein Vielfaches der derzeitigen Rohstoffjahresproduktion.
Neben Kupfer würde sich der Bedarf an Nickel verdreißigfachen, der an Platin verfünfzehnfachen und der von Lithium würde gleich um das 190-fache ansteigen. Dabei sind die Auswirkungen des Bergbaus auf die Umwelt und die regionale Bevölkerung bereits heute verheerend. Olivier Vidal:

„Bei der Gewinnung von Metallen gibt es drei Hauptkomponenten. Zunächst muss man das Gestein entfernen und zerkleinern. Dann muss man das Mineral, die metallhaltigen Mineralien, vom restlichen Gestein trennen. Und am Ende der Kette steht die Metallurgie, die hauptsächlich aus chemischen Reaktionen besteht. Ein großer Teil des Gesteins ist also uninteressant, weil es kein Metall enthält. Im schlimmsten Fall bleiben diese Abraumhalden an der Oberfläche liegen. Regen kann einige Sulfate oder Sulfatmineralien auflösen, wodurch saures Wasser entsteht, das schwermetallhaltige Mineralien wie Arsen auslaugt. Und das alles wird ins Grundwasser gespült.“

Blick auf eine Kupfermine im Kongo

Öde Landschaften, Abraumhalden und verseuchtes Grundwasser – die typischen Bergbau-Kollateralschäden (imago / Belga )

Einen nachhaltligen Bergbau gibt es nicht

Armin Paasch beobachtet den Bergbau- und Rohstoffsektor für das katholische Hilfswerk Misereor: „Also ich habe mir verschiedene Bergwerke angeschaut. Und die Probleme, die wir da beobachtet haben, sind eigentlich immer die gleichen: Indigene Gemeinschaften, lokale Gemeinschaften werden von ihrem Land vertrieben, werden nicht ausreichend konsultiert. Menschenrechtsverteidigerinnen, Umweltschützer, die sich gegen den Bergbau wehren, werden ja angefeindet, schikaniert. Teilweise werden sie ermordet.“

Klimaneutralität zum Preis von öden Landschaften, vertriebenen Menschen und verseuchten Flüssen. Paasch kennt das schmutzige Geschäft in all seinen Facetten. Und doch sagt er: Es gibt keine Alternative zur Energiewende.

„Man kann über die Zahlen auf jeden Fall verzweifeln. Man muss aber auch sehen, dass die erneuerbaren Energien bisher zumindest einen relativ geringen Anteil am Rohstoffverbrauch haben. Und ein relativ kleiner Akteur sind, wenn man das jetzt mit der Automobilindustrie vergleicht oder mit der IT- oder mit der Elektrobranche. Aber wenn man das alles zusammennimmt, haben wir natürlich ein Szenario, was absoluter Wahnsinn ist, was dazu führen wird, dass die planetaren Grenzen auf allen Ebenen gerissen werden.“

Eine vollkommen saubere Energiewende wird es kaum geben, weil so etwas wie nachhaltiger Ressourcenabbau schlichtweg nicht möglich ist. Und es ist auch nicht jeder daran interessiert, die Energiewende innerhalb der planetaren Grenzen gerechter und umweltverträglicher zu gestalten.

Import-Abhängigkeit bei Lithium, Platin und seltenen Erden

Ursula von der Leyen: “Wir importieren Lithium für Elektro-Autos, Platin für die Wasserstoffproduktion, Silizium für Solarmodule. 98% der Seltenen Erden, die wir brauchen, kommen von einem einzigen Zulieferer – China. Und das ist nicht nachhaltig.”

Henning Wilts vom “Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie”: „Also der Punkt ist nicht, dass wir nicht genug irgendwo in der Erde rumliegen hätten. Aber die eine Frage ist: Wollen wir ökologisch das da auf alle Kosten rausholen? Und die andere Frage ist: Wer hat dann Zugriff darauf? Das ist einer der Kerntreiber, warum speziell die Europäische Kommission gesagt hat: Es kann nicht sein, dass wir all diese Rohstoffe am Ende ihrer Nutzungsphase auf Deponien lassen. Das ist für die im Kern jetzt nicht so sehr Klima- oder Umweltpolitik, sondern es ist Industriepolitik und Wettbewerbspolitik.“

Die EU hat ausgerechnet, dass ein optimiertes Recycling von Rohstoffen eine zusätzliche Wertschöpfung von 80 Milliarden Euro und 700.000 neue Arbeitsplätze bringen könnte. Gleichzeitig reduziert man mit recycelten Rohstoffen die Abhängigkeiten und CO2-Emissionen.

Schritt Nr. 1: Rohstoffe wiederverwenden

In Deutschland schwanken derzeit die Recyclingraten von gut 20 Prozent bei Kobalt, über 35 bei Aluminium und gut 50 bei Kupfer bis hin zu 90 Prozent bei Stahl. Da ist bei vielen Stoffen noch viel Luft nach oben. Henning Wilts: „Wir haben uns das für Deutschland angeguckt und haben festgestellt, wenn wir es schaffen würden, den gesamten Ressourcenverbrauch in Deutschland um so den Faktor 3 bis 4 zu reduzieren, zur Hälfte aus Recycling, zur Hälfte durch effizienteren Umgang, dann wäre das Ziel einer Klima-Neutralität im Jahr 2045 tatsächlich erreichbar.“

Jens Monsees steht vor dem abgebauten Maschinenhaus des in Trennewurth demontierten Windrads

Viel Stahl und Kupfer – beim Windrad-Maschinenhaus lohnt sich das Recycling, bei anderen Komponenten weniger (Tomma Schröder)
Zurück in Trennewurth nahe der schleswig-holsteinischen Nordseeküste. Eigentlich sollte die alte, noch voll funktionsfähige Anlage, die hier gerade abgebaut wird, in Moldawien wieder aufgebaut werden. Aber durch den Krieg in der Ukraine begann die Finanzierung zu wackeln und die moldawischen Kunden sprangen ab. Nun wird die Firma von Jens Monsees die Anlage zerlegen, verwerten und entsorgen.

„Also Sie können nicht so ein Maschinenhaus in den Stahlofen reinschmeißen, sondern das muss wie gesagt handlich sein. Die Bleche schneiden wir auf sechs Meter. Ein Elektromotor, wie Sie es da sehen, die werden geschreddert und dann wird das Kupfer auch wieder rausgeworfen.“

Kupfer, Seltene Erden, Stahl – ein Maschinenhaus ist wertvoll, ein Recycling lohnt sich für die Unternehmen. Anders sieht das bei dem Fundament aus oder bei den Rotorblättern.

„Dann werden diese Blätter in 80 mal 80 Zentimeter große Stücke zerkleinert vor Ort und gehen dann zu uns in Bremen in die tatsächliche Verwertung. Und da wird das dann über verschiedene Handlungsschritte ganz, ganz, ganz klein aufgelöst, gebrochen, wird gemischt mit Spuckstoffen, um das Volumen zu erhöhen und nachher auch eine gewisse Temperatur zu erreichen. Und dann werden wir aus den einzelnen Fasern, die wir haben, Silikat zurückgewinnen beim Zementwerk. Und das kann ich dann für die Zementindustrie nutzen und kann dann vielleicht neue Fundamente bauen für neue Windkraftanlagen. Also da haben wir den Kreislauf schon komplett, glaube ich, ganz gut abgewickelt.“

Alte Kabel in der Elektroschrotttonne

Kupfer aus Kabeln wiederzugewinnen ist leicht – bei anderen Komponenten muss erst einmal klar sein, was überhaupt darin steckt (imago stock&people)

Recycling schon beim Anlagenbau berücksichtigen

Komplett stimmt nicht ganz. Denn die Glasfaser in den Rotorblättern ist mit Epoxidharz gemischt, der lediglich verbrannt – also energetisch verwertet wird. Man könnte auch Rutschen für Kindergärten aus den Rotorblättern machen oder Gartenmöbel, sagt Monsees. Nur werden die ja dann auch irgendwann zum Abfallprodukt. Ist es nicht denkbar, dass irgendwann aus Rotorblättern wieder neue Rotorblätter werden?

„Da ist die Forschung dran. Es gibt einige Hersteller, die machen das tatsächlich, versuchen es über gewisse Lagentechniken. Aber da sind wir noch nicht. Das sind riesengroße Bäder, wo man die ganzen Rotorblätter reinigt. Wir sehen hier schon ein recht großes Rotorblatt, aber wir reden ja von der neuen Generation mit 70 Meter und länger. Das muss auch technisch passen und es muss auch jemand bezahlen wollen.“

Bis 2030 sollen in Deutschland rund die Hälfte der rund 30.000 Windenergieanlagen zurückgebaut werden. Auch in der Photovoltaik wird einiges ersetzt werden müssen. Zwei Strategien sind für den Kreislauf-Experten Henning Wilts dabei von großer Bedeutung: Zum einen sollten Hersteller dazu verpflichtet werden, ihre Anlagen auch wiederzuverwerten. Zum anderen sollten sie in Zukunft schon beim Bau der Anlagen berücksichtigen, dass sie am Ende ohne großen Aufwand recycelt werden können. „Dass man einen Überblick behält: Wo enden eigentlich bestimmte Produkte? Welche Rohstoffe sind da drin? Wie sind die verarbeitet? Wie sieht das aus? Ist für mich ganz klar eine politische Aufgabe.“

Jens Monsees: „Früher hat man nichts bekommen, da kannst Du eine Kaffeemaschine kaufen, da hatten sie eine größere Anleitung als bei so einer Windkraftanlage, weil die Hersteller nichts rausgegeben haben, das hat sich geändert, Gott sei Dank.“

Schritt Nr. 2: Kritische Rohstoffe ersetzen oder effizienter nutzen

Die EU hat gerade im März 2022 neue Regeln für Akkus beschlossen. Nach der Batterie-Richtlinie müssen die Rohstoffe bei der Produktion nun zu einem bestimmten Anteil aus dem Recycling stammen. Aber mit Recycling allein wird man den stark steigenden Rohstoffbedarf der Energiewende nicht stillen können, sagt Henning Wilts. „Völlig klar – auch Recycling kostet Geld in der Sammlung, in der Aufbereitung. Wenn man es schafft, einfach die Rohstoffe intelligenter einzusetzen, ist das wahrscheinlich der Punkt, der auch aus volkswirtschaftlicher Sicht eigentlich an der ersten Stelle stehen müsste.“

Am intelligentesten wäre es, Rohstoffe zu verwenden, die gar nicht erst mit viel Energie aus der Erde geholt werden müssen. Otto Lundman etwa, von der schwedischen Firma Modvion, will die Türme seiner Windkraftanlagen zukünftig nicht aus Stahl, sondern aus Holz bauen. Durch einen schichtweisen Aufbau könne man damit sogar eine höhere spezifische Festigkeit als beim Stahl erreichen, so Otto Lundman von der Firma Modvion.

„Das bedeutet also, dass unser Turm bei gleicher Leistung nur zwei Drittel des Gewichts hat. Ein weiterer Vorteil ist der große Unterschied bei den CO2-Emissionen. So hat ein Holzturm im Vergleich zu einem Stahlturm mehr als 100 Prozent weniger CO2-Emissionen, da der Kohlenstoff im Material gebunden wird.“

Natürlich ist Holz nur dort eine Alternative, wo es um Konstruktionen, nicht um Elektronik, Generatoren oder Motoren geht. Dort wo sich Metalle nicht ersetzen lassen, wird versucht, aus weniger mehr zu machen. Die Solarzelle etwa, einst mit vier bis sechs Prozent Wirkungsgrad gestartet, kommt mittlerweile locker über zwanzig Prozent – in aufwändigeren Modellen sogar weit darüber. Noch 2006 musste man für dieselbe Strommenge eine gut drei Mal so große Dachfläche mit Solaranlagen bestücken wie heute. Dabei wurde gleichzeitig der Bedarf an Silber deutlich heruntergeschraubt. Ob die Innovationen am Ende aber tatsächlich nachhaltiger sind, muss sich oft noch zeigen. Henning Wilts:

„Also man braucht für die Herstellung von PV-Modulen sehr spezifische Rohstoffe. Da ist dann auch immer die Frage: In vielen Photovoltaik-Modulen wird Cadmium eingesetzt, weil das die Effizienz deutlich erhöht. Dafür haben wir eigentlich noch nicht so richtig sinnvolle Entsorgungslösungen.“

Cadmium ist sehr selten, sehr giftig und krebserregend. Höhere Effizienz kann auf Kosten der Recyclingfähigkeit gehen – oder der Natur. Moderne Windenergieanlagen etwa gewinnen durch Permanentmagnete an Effizienz und Lebensdauer. Allerdings werden dafür Seltene Erden benötigt, „…die aus sehr, sehr wenigen Ländern tatsächlich importiert werden können, die man politisch nicht als instabil, aber unberechenbar bezeichnen würde. Man hat es ganz viel dann auch mit radioaktiven Nebenprodukten zu tun in der Gewinnung solcher Seltenen Erden. Deswegen haben wir in Europa dafür die Minen zugemacht und gleichzeitig wollen wir dieses Material einsetzen.“

Schritt Nr. 3: Bergbau nachhaltiger und gerechter gestalten

Armin Paasch von Misereor: „Wer bei Naturstrom oder bei Greenpeace Energy oder bei Lichtblick Strom bezieht, setzt ja schon auf den Goldstandard. Allerdings mussten wir bei unserer Studie auch feststellen, dass selbst in diesem Sektor Menschenrechte und umweltbezogene Sorgfaltspflichten nicht besser umgesetzt werden als in anderen Sektoren. Wir hatten eher den Eindruck, dass in der Branche der erneuerbaren Energien mitunter auch so eine Vorstellung herrscht: Wir achten ja schon auf Klimaneutralität, belästigt uns doch bitte nicht mit den Menschenrechten.“ Paasch kennt unzählige Beispiele dafür, dass Menschenrechts- und Umweltstandards nicht eingehalten werden.

Abhilfe sollte hier eigentlich das sogenannte Lieferkettengesetz schaffen. Henning Wilts: „Also wir haben ja jetzt eine lange Diskussion um Lieferkettengesetze in Deutschland gehabt. Das war für mich tief deprimierend und traurig, weil erstens schon das, was rausgekommen ist, nicht das war, womit man angetreten ist und zum anderen ökologische Effekte – also welche Rohstoffe, welche Abfälle fallen wo an? – waren da ganz früh dann direkt wieder raus. Und ich glaube kaum, dass wir da eine Chance haben, das irgendwie noch mal groß aufzubauen.“

Henning Wilts setzt seine Hoffnung nun eher in digitale Produktpässe. In diesem Pass sollen Hersteller alle Informationen über Herkunft, Zusammensetzung, Reparatur- und Demontagemöglichkeiten eines Produkts dokumentieren. Dadurch soll es einfacher werden, Produkte zu recyceln. Zudem können Käufer die Informationen nutzen, um nachhaltige und soziale Aspekte bei der Kaufentscheidung zu berücksichtigen. „Wer hat sie wo unter welchen Umständen produziert? Was ist da drin? Das, glaube ich, funktioniert viel eher als dann so ein Lieferkettengesetz mit ganz spezifischen Einzel-Berichtspflichten für jeden Akteur von hier bis Bangladesch.”

Brasilianische Feuerwehrleute suchen nach Opfern im Schlamm nach dem Dammbruch an einer Eisenerzmine in Brasilien 2019.

Über 300 Todesopfer, gewaltige Verwüstungen – der Dammbruch an einer Eisenerzmine in Brasilien zeigt die immensen Bergbau-Risiken (dpa-Bildfunk / AP / Leo Correa)

Produktpass könnte für mehr Transparenz sorgen

Sowohl als Ziel im Koalitionspapier der Ampel-Regierung als auch in Strategiepapieren der EU ist der digitale Produktpass vorgesehen. Er könnte auch bei den Metallimporten dazu führen, dass zumindest mehr Transparenz herrscht, wer eigentlich woher seine Ware bezieht. Insgesamt steige hier der Druck auf Unternehmen, beobachtet Eléonore Lèbre von der Universität Queensland.

„Als es 2019 in Brasilien zu dem Dammbruch kam, gab es kurz darauf Investoren wie die Church of England und die schwedischen Pensionsfonds, die von den Unternehmen verlangten, ihre Risiken im Zusammenhang mit der Entsorgung von Abfällen offenzulegen, und sagten: ‘Wenn ihr eure Risiken nicht offenlegt, werden wir uns von euren Vermögenswerten aus euren Unternehmen trennen.’ Ich glaube also, dass es eine globale Bewegung für so genannte verantwortungsbewusste Investoren gibt. Bin ich optimistisch? Ich bin mir nicht sicher. Ich bin behutsam optimistisch.“

Eléonore Lèbre und ihr Kollege Martin Stringer haben sich die Minen auf der ganzen Welt genauer angeschaut und nach ökologischen, sozialen und rechtlichen Risiken ausgewertet. Die Länder mit den meisten Risiko-Hotspots sind demnach China, Mexiko, Peru und Südafrika mit insgesamt etwa 200 bis 600 Bergbaugrundstücken in einem problematischen Umfeld. 84 Prozent der Platinressourcen und 70 Prozent der Kobaltressourcen liegen in Gebieten mit schwacher oder unterdurchschnittlicher Governance. Länder mit ebenfalls sehr großen Risiken aber nur wenigen Minen sind Afghanistan, Eritrea, Äthiopien, Haiti, Uganda und Jemen.

Arbeiter in einer Mine im Kongo, in der unter anderem Coltan geschürft wird.

Das zur Tantal-Herstellung benötigte Coltan gilt als “Konfliktmineral” – mit seinem Abbau finanzieren sich Rebellengruppen im Kongo (JUNIOR D. KANNAH / AFP)

Bergbau “bitte nicht vor der eigenen Haustür”

Der Norden ist dagegen eher blau gehalten. Ist es also vor allem der globale Süden, der den Preis dafür bezahlen muss, dass der reiche Norden weiterleben kann wie bisher – nur eben klimaneutral? „Das ist eine etwas übertriebene Vereinfachung, immerhin gibt es große Länder wie die USA, Kanada und Australien, die über Ressourcen verfügen und große Produzenten von Metallen für die Energiewende sind. Aber selbst in diesen großen Ländern sind Menschen vor Ort gefährdet.” – Martin Stringer: “Vielleicht hätten wir nur Rottöne verwenden sollen. Denn jede dieser Regionen hat Risiken.” – Eléonore Lèbre: “Ja, hätten wir machen sollen. In Australien etwa wird Bergbau auf dem Land der Ureinwohner betrieben. Das Risiko besteht, dass wir einfach dasselbe immer weitermachen. Wir decken unseren neuen Hunger nach erneuerbarer Energie auf Kosten von Menschen, die neben diesen Minen leben.“

In der EU leben indes nur noch wenige Menschen in der Nähe von Bergwerken. Das liegt allerdings nicht daran, dass es hier keine Rohstoffe geben würde. Lithium etwa, das für Batterien von zentraler Bedeutung ist und dessen Nachfrage sich bis Ende des Jahrzehnts vermutlich vervierfachen wird, gibt es in großen Mengen in Serbien, Spanien oder Deutschland. Hier wie dort aber regt sich Protest in der regionalen Bevölkerung. Siyamend Al Barazi von der Deutschen Rohstoffagentur:

„Es ist in vielen Fällen schwierig, hat sich gezeigt. Das ist immer: ‚not in my backyard!‘ Man will den Bergbau-Sektor, man will den Bergbau nicht vor seiner Haustür haben, obwohl wir mittlerweile in Europa ja Standards haben, die dies eigentlich ermöglichen, da zu möglichst umweltschonenden Bedingungen Bergbau zu betreiben.“

Abhängigkeiten auch bei Rohstoff-Weiterverarbeitung

Ob diese Standards von den oft ausländischen Investoren tatsächlich eingehalten werden, daran haben Anwohner oft große Zweifel. Nicht zuletzt aus geopolitischen Gründen könnte es jedoch sinnvoll sein, wieder mehr eigenen Bergbau und Metallverarbeitung in Deutschland und der EU anzusiedeln, meint Al Barazi. Denn die „Liste der kritischen Rohstoffe“, die die Europäische Kommission hegt und pflegt, wird immer länger – auch durch den Angriffskrieg Russlands.

„Russland ist ein wichtiger Rohstoffproduzent, insbesondere Nickel, da ist Russland ein großer Produzent für, einer der weltweit größten, aber auch mit Titan, bei Rohaluminium, bei Kupfer, Palladium. Also eigentlich fast die gesamte Bandbreite wichtiger Rohstoffe.“

Schaut man sich nicht nur an, wo die Metalle gefördert, sondern auch wo sie weiterverarbeitet werden, sind die Abhängigkeiten von anderen Ländern besonders groß. Bei diesen so genannten „Raffinadeprodukten“ ist China bei 25 der 27 untersuchten Rohstoffe der größte Produzent, sagt Al Barazi. „Also Gallium als Beispiel benötigen wir für die Halbleiter und für die Mikrochips, da hatte China 2018 einen Anteil von knapp 90 Prozent in der Weiterverarbeitung von diesen Produkten. Und da gibt es diverse Beispiele: Germanium für Halbleiter, Glasfaserkabel oder eben auch Kobalt für die Batterien, da ist die regionale Produktion immer stark auf einzelne Länder konzentriert.“

Diese Abhängigkeiten werden zunächst einmal nicht kleiner werden. Abgesehen davon, dass die Metallexporte aus der Ukraine und Russland teils stark zurückgehen dürften, droht auch aus anderen Abbauländern eine Verknappung. Der Bergbaugigant China hat einige Minen in der Folge von Umweltinspektionen geschlossen, was bei den betroffenen Rohstoffen zu hohen Preissprüngen und Lieferengpässen geführt hat. Für europäische Rohstoff-Kunden schlecht – aber eigentlich längst überfällig. Denn die Bergbauindustrie hat in China und in vielen anderen Ländern ganze Landstriche in vergiftete Ödnis verwandelt.

Tiefsee-Bergbau auch keine Patentlösung

Wieso holen wir uns die Rohstoffe eigentlich nicht dort, wo kein Mensch mit den Folgen und Nebenwirkungen direkt belästigt wird? Aus der Tiefsee zum Beispiel? Dort wachsen rohstoffhaltige Manganknollen wie Kohlköpfe aus dem Meeresboden und müssten lediglich abgeerntet werden. Eléonore Lèbre:

„Wir befinden uns in einer Situation, in der wir etwas, von dem wir wissen, dass es schlecht ist, gegen etwas eintauschen, das noch schlimmer sein könnte. Und selbst wenn es nicht noch schlimmer ist, wissen wir nicht genau, was passieren wird. Und wenn dann der Tiefseebergbau beginnt und plötzlich all diese neuen Metalle auf den Markt kommen, dann müssen alle bereits existierenden Minen mit niedrigen Metallpreisen zurechtkommen, weil es einfach zu viel Angebot gibt. Und eine Mine, die kein Geld hat, ist noch schlimmer, weil sie einfach aufhört, in Umweltprogramme zu investieren, sich nicht mehr mit den Gemeinden zu engagieren und alle Aktivitäten einstellt, die ihr keine Einnahmen bringen.”

Eléonore Lèbre zufolge ist es gar nicht schlecht, wenn Rohstoffe knapper und teurer werden. Höhere Preise könnten nicht nur zu besseren Standards in den Minen führen, sondern auch zu einem besseren Umgang mit den Ressourcen, die wir bereits haben. Denn selbst wenn die derzeit höchsten Standards beim Abbau umgesetzt würden, ist klar: Es gibt keinen nachhaltigen Bergbau.

Schritt Nr 4: Rohstoff- & Energiekonsum reduzieren

Armin Paasch: „Das macht deutlich, dass wir eine sehr viel grundsätzlichere soziale und ökologische Transformation brauchen, dass wir dringend wegkommen müssen von diesem Wachstumspfad, von dieser Vorstellung, dass die Wirtschaft immer weiter in die Höhe wachsen kann und dass unsere Erde das verkraften könnte. Das wird einfach nicht funktionieren.“

Weil fossile Energieträger keine Alternative sind, bleibt also neben dem Recycling und verbesserten Technologien nur eine weitere Lösung: So wenig Energieverbrauch wie möglich und vor allem: weniger andere rohstoffintensive Produkte. Weniger Flugzeuge, Schiffe und Autos, weniger Handys, Konsolen, Trockner, weniger Rechenzentren, Fertigungsanlagen und Maschinen – kurz: einfach weniger von allem. Olivier Vidal:

„Sie können sich alles vorstellen, was Sie wollen. Sie können die BIP-Entwicklungen in großen Regionen der Welt ändern. Sie können die Geschwindigkeit ändern, mit der sich die Technologien verbessern werden. Sie können auch die Energieeffizienz, den Energiemix, alles was Sie wollen, ändern. Aber der wichtigste Punkt ist, dass Ihr Szenario, das Sie erzählen werden, vernünftig sein muss.“

In den Modellen, mit denen Olivier Vidal rechnet, wird sich die weltweite Autoflotte in den kommenden 40 Jahren verdoppeln. Er glaubt daher nicht an Szenarien, in denen statt 1,5 Milliarden Autos plötzlich nur noch 750 Millionen E-Autos über den Globus kurven.

Wir können etwas verändern: “By Design” oder “By Desaster”

Doch Veränderungen, Transformationen können nicht nur „by design“, sondern auch „by desaster“ erfolgen. Was wir über Jahrzehnte durch aktive Gestaltung, durch Politik nicht erreichen, könnten Katastrophen innerhalb weniger Monate erzwingen. Und Katastrophen gab es zuletzt genügend: vom Krieg über steigende Preise für Lebensmittel und Rohstoffe, über die Pandemie bis hin zu klimatischen Extremereignissen. Vielleicht werden diese Katastrophen schaffen, was wir durch „Design“, durch Politik nicht geschafft haben? Und vielleicht gibt es dann doch Szenarien, die uns heute noch vollkommen absurd und nicht umsetzbar erscheinen? Martin Stringer:

„Um das Ganze auf ein einfaches Beispiel zu bringen: Ich kenne viele Leute, die von einem Auto auf ein Elektroauto umgestiegen sind, und sie sagen: ‚Das ist ja so toll.‘ Vielleicht hätten sie auch auf ein kleineres, effizienteres Fahrzeug umsteigen können? Oder ganz auf das Auto verzichten? Wenn jeder mit jeder Entscheidung, die er trifft, wirklich denkt: Das ist mein Moment, Teil dieser enormen großen Geschichte zu sein, dann ergibt das einen kumulativen Effekt. Und – das können Sie in Modellen sehen – der wäre riesig.“

Bisher ist dieser Effekt – allen Mahnungen zum Trotz – ausgeblieben. Aber Stringer glaubt, dass wir noch immer gewinnen können.

„Je mehr man versteht, wie schwierig es war, uns alle – ausgehend von ein paar Wasserstoffatomen – auf diesen Felsen mitten im Weltraum zu bringen. Und das Universum hat einen Weg gefunden, dies alles zusammenzufügen, uns und all diese erstaunlichen Dinge hierher zu bringen, dieses Ökosystem zu schaffen. Die Vorstellung, dass wir diese ganze Geschichte erst an dem Punkt erkennen, an dem wir gerade dabei sind, alles zu zerstören, ist zu tragisch, als dass man nicht versuchen müsste, diese Zerstörung zu stoppen und rückgängig zu machen.“

Reference-www.deutschlandfunk.de

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