Forschungszentrum Lausitz Art of Building – “Uns schwebt vor, eine neue Kunst des Bauens zu etablieren”

Das zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende Bauhaus-Gebäude in Dessau wurde von Walter Gropius entworfen – in der Lausitz sollen künftig ähnlich wegweisende Architektur-Trends entstehen (picture alliance / ZB / Jens Wolf)
Manfred Curbach will die Art, wie wir bauen, umkrempeln. Auf die Frage, was ihn dazu antreibt, antwortet er mit drei Zahlen. Der Mann ist schließlich Ingenieur, genauer gesagt Bauingenieur an der TU Dresden. Die erste seiner Zahlen lautet: 5,3 Prozent. „Das ist der Anteil, den das Bauwesen am Bruttoinlandsprodukt hat“, sagt Curbach.

Die zweite Zahl lautet 25 Prozent: „Das ist der Anteil, den das Bauen und die Nutzung der gebauten Umwelt zum CO2-Ausstoß beiträgt. Fünf und 25 Prozent! Da sollte man ja eigentlich glauben, da müsste ja unglaublich viel geforscht werden, um diesen CO2-Ausstoß drastisch zu minimieren.“

Ist natürlich nicht so, wie die dritte Zahl zeigt. Sie beschreibt den Anteil den das Bauwesen von der gesamten Fördersumme des Bundesforschungsministeriums bekommt: „Das sind 0,26 Prozent. Daran können Sie so ungefähr abschätzen, dass im Bauwesen viel zu wenig geforscht wird.“

Die Vision: Ein Forschungszentrum für nachhaltiges Bauen

Manfred Curbach will das mit seinem Großforschungszentrum ändern – der Name: Lausitz Art of Building, kurz LAB. Es ist nicht nur der CO2-Ausstoß. Curbach will dort erforschen, wie man Gebäude mit weniger Energie baut und betreibt. Und wie man mit weniger Rohstoffen klarkommt. Die werden nämlich heute schon knapp. Die Forschung geht bei den Materialien los, erklärt Curbach, und nennt ein Beispiel: „Wenn sie jetzt den Beton nehmen, so ist der, was seine CO2-Bilanz anbelangt, nicht umsonst in so einen schlechten Ruf gekommen.“

Das liegt am Zement, der im Beton steckt. Alleine auf die Zement-Produktion entfallen zwei Prozent des deutschen CO2-Ausstoßes. Doch wozu der viele Zement? Er dient als Bindemittel und schützt im Stahlbeton den Stahl vor Rost: „In dem Moment, wo ich keinen Stahl mehr nehme, der korrodieren kann, kann ich andere Bindemittel verwenden und damit deutlich weniger CO2 erzeugen.“

Carbon-Beton benötigt weniger klimaschädlichen Zement

Manfred Curbach weiß wovon er spricht. Er ist ein Pionier des Carbon-Betons – eines Werkstoffs, der das Zeug hat, den allgegenwärtigen Stahlbeton zu ersetzen. Anstatt Stahl, verleihen ihm Kohlestofffasern die nötige Zugfestigkeit. So etwas erlaubt neue, klimaschonende Bindemittel. Doch da gibt es viele Möglichkeiten.

„Wenn wir die alle mit Hand untersuchen wollten, in allen Kombinationen, sind wir nach 50 Jahren noch nicht fertig. Hier kommt zum Beispiel ein Verfahren der künstlichen Intelligenz ins Spiel. Wie kann man so ein Programm anlernen, um schneller zu sagen: Wenn ich jetzt diese drei oder fünf verschiedenen Bindemittel nehme in einer beliebigen Kombination, wie kriege ich den besten Effekt dabei heraus? Also es wird tatsächlich Materialforschung mithilfe von KI geben.“

Roboter als Helfer auf den Baustellen der Zukunft

Dann kommen Forschungsfragen rund um die Konstruktion: Kann man aus den neuen Materialien schlanker und damit ressourcenschonender bauen? Dann die Herstellung: Wie könnten Roboter Teile von Gebäuden in Fabriken vorbereiten? Digitalisierung: Werden Daten Bau und die Sanierung erleichtern? Sensoren den Wohnkomfort steigern? 200 Jahre – so die Vision – könnten die Bauwerke der Zukunft halten. Aber: Ist das nicht anmaßend? Woher sollen wir wissen, wie die Menschen in 150 Jahren leben wollen?

Die Bauwerke der Zukunft sollen daher variabel sein: Ein Wohnhaus, das sich zur Schule und dann zu einer Fabrik umwandeln lässt, dank flexibler Innenräume und austauschbarer Fassaden, so Manfred Curbach: „Und das muss geprägt sein von den Bedürfnissen der Menschen und nicht von technischen Lösungen abhängig gemacht werden. Wir werden zum Beispiel in dem LAB auch an prominenter Stelle eine Soziologin dabei haben, die an ganz vielen Forschungsthemen mitarbeitet.“

1500 Expertinnen und Experten könnten künftig am LAB arbeiten

Sie soll eine von 1000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sein, die derlei Fragen erforschen. Hinzu kommen 500 Techniker. Rund um das Lab dürften sich Unternehmen ansiedeln und weitere Arbeitsplätze in der Lausitz schaffen. Aber es drängt sich doch eine grundlegende Frage auf: Warum sollte ausgerechnet in der Lausitz die Zukunft des Bauens entstehen? Bei Baukunst denkt doch keiner an die Lausitz, sondern an London, Delft, Singapur oder Chicago.

Manfred Curbach beantwortet diese Frage so: „Warum denken Sie heute Chicago? Da gab es mal eine kleine Gruppe von sehr kreativen Menschen, die haben in Weimar und dann in Dessau dieses Bauhaus gegründet.” In den 1930er Jahren flohen diese kreativen Köpfe vor den Nazis in die USA und gründeten in Chicago das New Bauhaus, so Curbach: “Deswegen ist Chicago für Sie jetzt heute ein Stichwort, da geht das Bauen tatsächlich rund. Und wo kommt es her? Dessau. Wer kennt schon Dessau?”

“Uns schwebt vor, eine neue Kunst des Bauens zu etablieren”

Was einst in Dessau geklappt hat, müsste doch heute auch in der Lausitz funktionieren, glaubt Manfred Curbach: “Uns schwebt vor, tatsächlich eine neue Kunst des Bauens zu etablieren. Und die beginnt dort, wo die Menschen sind, die am besten geeignet sind, so etwas umzusetzen.“

Denn sie bringen die Fähigkeit, mit gigantischen Maschinen umzugehen und Konstruktionen zu planen, aus dem Braunkohle-Tagebau mit. So wie dereinst Dessau die Keimzelle des modernen Bauens war, das unseren Blick auf das 20. Jahrhundert prägt, so könnte es bald vielleicht die Lausitz sein, die uns zeigt, wie die Brücken oder Häuser im 21. und 22. Jahrhundert aussehen werden.

Reference-www.deutschlandfunk.de

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